Glimpse of Memory

A Glimpse of Memory

Hanoi war gestern immer noch menschenleer. Alles schwieg uns an und wies uns ab. Verlassene Geschäfte und einsame Marktstände im Jahr der Wasserschlange. Nur um den Literaturpalast hatten sich Männer und Frauen und Kinder versammelt, um sich eine Geschichte schreiben zu lassen. Der siebte Neujahrstag. Jedermanns Geburtstag, jedoch ohne westliche Tragik, ohne Symbolik, ohne Sühne und ohne Erlösung. Ohne Teufel und fast ohne Gott.

Uralte Männer in traditionellen Gewändern saßen auf winzigen Schemeln und rauchten und zeichneten alte Linien auf gelbes Papier. Weiße dünne Bärte. Tiefe Falten. Eine sehr mächtige und weise Aura. Ich stellte mir vor, dass all die Wartenden zu ihnen gekommen sind, um ihr Leben fortschreiben zu lassen. Für ein Jahr. Oder das letzte umschreiben zu lassen, sodass keine Erinnerungen mehr bleiben und eigentlich keiner mehr weiß, was überhaupt passiert. Wie die Kalligrafen mit dicken Pinseln ganz behutsam und ruhig und mit aller Zeit einen Halbkreis ziehen und sich eine Entscheidung ändert und ein Schicksal. Wie vieler Menschen Leben beeinflussen wir? Was sind wir ohne Vergangenheit und wie würde solch eine Geschichte beginnen? „Er stand auf diesem winzigen Platz, beobachtete all die vorbeiströhmenden Fremden und wusste nichts. Und wenn dieses Wort auch voller metaphysischer Bedeutung ist, beschreibt es die Situation doch recht treffend: nichts. Jemand hatte ihm eine Geschichte geschrieben, an die er sich nicht mehr erinnerte.“


Hanoi was still deserted yesterday. Everything kept silent and rejected us. Abandoned stores and desolate market stalls in the year of the Water Snake. Only around the Temple of Literature, men and women and children had gathered to have a story written for them. The seventh New Year’s Day. Anyone’s birthday, however without occidental tragic, without symbolism, without expiation and without redemption. Without devil and almost without god.

Ancient men in traditional clothing were sitting on tiny footstools and smoking and drawing old lines on yellow paper. White thinned beards. Deep wrinkles. A very mighty and wise aura. I imagine that all those waiting were coming to them to have their life story updated. For a year. Or to have the last one rewritten for there won’t remain any memories and actually none knows anymore what’s happening anyway. Like the calligraphers with thick brushes carefully and calmly, and with all the time in the world, draw a semi circle, and a decision alters, and a life. How many people’s lives do we influence? What are without past and how would such a story begin? “He was standing on this tiny square, watching all the passing strangers and knew nothing. And even if this word is full of metaphysical meaning, it does describe the situation appropriately: nothing. Someone had written him a story he couldn’t remember anymore.