SHT – Room 104

SHT - Room 104

Auf lauten Sohlen schreitet sie Tag für Tag durch die schäbigen Hallen unseres Hauses. Das große Mysterium, die Legende, an deren Existenz ich kaum zu glauben gewagt hätte. Ungeschickt stolpert sie aus ihrem Raum. Vor mir sehe ich in aller Deutlichkeit, wir ihr die ungewohnte Art der Fortbewegung Probleme bereitet. Wie sie sich schwer atmend gegen die Wand lehnt, tief verschnauft und sich ihren Weg vorankämpft. Ein wahnsinniges Gestampfe, das mich zusammenzucken lässt. Der unumwindliche Sturz und der lange Weg zurück in die Vertikale.

Nach einiger Zeit wage ich den Blick durch den Türspalt, schleiche aus meinem Zimmer. Im Badezimmer ein Rauschen, ständiges Plätschern von Wasser. Stundenlang, tagelang, wochenlang. Seit wir eingezogen sind, ständig fließendes Wasser. Wir leben in einem „Onsen“, einer seltsam geformten heißen Quelle, die durch eine Laune der Natur die Form eines Hauses angenommen hat. Geduldig setze ich mich in die Küche und warte. Lese eine Zeitschrift, durchforste das Internet, lese einige Artikel, lese alle Artikel, beende das Internet und lerne eine Sprache. Und dann endlich, als meine Wahrnehmung der des Meeres gleicht, erscheint sie. Das Fabelwesen, von dem so viele, unzählige Sagen und Mythen berichten, von dem Piraten in dunklen Nächten auf vergessenen Meeren erzählten und das selbst die wildesten und stärksten Männer erschaudern ließ, steht vor mir: eine unfassbar hässliche Meerjungfrau. Schiefe Brille und ein seltsam umherschweifender und ungepolter Blick, eine komische Stimme und ein seltsamer Gang, unförmige Figur und krudes Haar.

Ich kann es nicht glauben und muss erschrocken den Blick abwenden, bevor ich zu Stein erstarre. Und doch bleiben meine Gedanken bei ihr und ich sehe es vor mir, wie sie in exzessiven Badeorgien langsam ihre ländliche Gestalt abstreift und sich ihr wahres Äußeres enthüllt. Die liebliche Gestalt einer Nymphe, die sich unter der ersten, der weltlichen Hülle verbirgt. Denn Japan, das sind nicht nur vielköpfige Löwen und Drachen, schnabelbehaftete Dämonen und Angst einflößende Geister, nein, das sind auch seltsam anziehende Nixen und Prinzessinnen und vielleicht auch wunderschöne Meerjungfrauen.


On loud toes she is roaming through the grotty halls of our house day by day. The big mystery, the legend whose existence I barely dared to believe in. She awkwardly stumbles out of her room. Most clearly, I can see how this uncommon way of motion troubles her. How she’s leaning achingly against the wall, deeply sighs and fights her way forward. A mad stamping making me cringe. The inevitable downfall and the long way back into a vertical position.

After some time, I take a look through the door gap and sneak out of my room. From the bathroom sounds a noise, constant dabbling. For hours, days, weeks. Since we moved in: a constant water flow. We live in an “onsen”, a strangely formed hot source having adapted the shape of a house by some freak of nature. Patiently, I sit down in the kitchen and wait. Read a magazine, browse the Internet, read some articles, read all articles, finish the Internet and learn a language. And finally, as my perception resembles the sea’s, she appears. The legendary creature of which countless sagas and myths tell, of which pirates on lost seas reported in dark nights, and which frightened even the wildest and strongest men, is standing in front of me: an unbelievably ugly mermaid. Leaning glasses and an oddly sweeping and uneven glance, awkward voice and a bizarre walk, bulky physique and crude hair.

I cannot believe it and must turn away my sight petrified. And still, my thoughts stay with her and I see it in my mind’s eye how she peels off her terrestrial guise in excessive bathing orgies and uncovers her true appearance. The lovely shape of a nymph hiding under the first, the worldly cover. Because Japan, that’s not just multi-headed lions and dragons, demons with pecker and terrifying ghosts, no, it’s also somewhat attracting princesses and maybe even beautiful mermaids.